Fühkindliche Karies – Muttermilch & Prävention

Immer öfter werden bei Kleinkindern Zahnsanierungen in Vollnarkose durchgeführt. Wie kommt es zur Kariesentstehung und wie sehen Präventionsmaßnahmen aus.

Karies bekommt man jedoch nicht einfach so. Die Entstehung benötigt 3 Faktoren. Beim Fehlen einer dieser Faktoren kann es nicht zur Entstehung einer kariösen Läsion kommen.

  1. Infektion/Übertragung eines Keimes der für die Kariesauslösung wichtig ist. (Mutans Streptokokken). Hier erfolgt die Ansteckung meistens über die Mutter.
  2. Häufiger Konsum von niedermolekularen Kohlenhydraten (zuckerhaltige Nahrung und Getränke – Schokolade, Keks, gezuckerter Brei, Säfte, etc.). Niedermolekulare Kohlenhydrate sind der Nährboden für den Keim.
  3. Karies entsteht als Folge einer bakteriellen Stoffwechselaktivität, an deren Ende die Produktion organischer Säuren und ein niedriger pH Wert stehen.  Wenn die Säurefreisetzung sich oft wiederholt kann keine ausreichende Remineralisierung der Zähne erfolgen. Der Zahnschmelz wird zerstört und Karies kann entstehen.

Präventionsmaßnahmen:

  1. Die Prävention beginnt bereits bei der Mutter in der Schwangerschaft. Ein Zahnarztbesuch der Mutter in der Schwangerschaft ist empfehlenswert. Die beste Prävention von Karies bei Kindern ist die Zahnsanierung der Eltern schon vor der Schwangerschaft. Je mehr Bakterien sich in der Mundhöhle der Mutter befinden, umso mehr Bakterien können auf das Kind übertragen werden.
  2. Weitgehender Verzicht auf niedermolekulare Kohlenhydrate (zuckerhaltige Nahrung und Getränke – Schokolade, Keks, gezuckerter Brei, Säfte, etc.). Während es früher meist Instanttees waren, die sich in der Flasche befanden, so sind es heute eher die vermeintlich gesünderen Fruchtsäfte. Reiner Fruchtsaft enthält jedoch so viel Fructose, dass er etwa einer 10%igen Zuckerlösung entspricht. In Verbindung mit einem sehr niedrigen pH-Wert von Säften führt Dauernuckeln zur massiven frühzeitigen Zerstörung der Milchzähne.[1]
  3. Die Flasche sollte möglichst früh abgewöhnt und die Kinder an das Trinken von Wasser aus dem Becher oder Glas gewöhnt werden.
  4. Je weniger Zuckerimpulse umso besser. Häufige zuckerhaltige Zwischenmahlzeiten stellen eine Gefahr dar. Auch vermeintlich gesunde Dinge wie etwa Bananen sind kariogen. Besonders der Konsum von Säften in „Nuckelflaschen“ in kurzen Zeitabständen kann die Entstehung von Karies begünstigen.
  5. Übertragung: Das Ablecken von Schnuller und Baby-Löffel durch die Eltern soll vermieden werden. Wenn Kinder mit drei Jahren noch keine Infektion mit dem Streptokokkus mutans haben, geschieht es viel seltener, dass sie im späteren Leben Karies bekommen.
  6. Als weiteren Schutz haben sich Fluoride in der Kariesprophylaxe sehr bewährt. Sie greifen an verschiedenen Punkten in die Kariesentstehung hemmend ein: Der Zahnschmelz wird säureresistenter, die Remineralisierung wird beschleunigt und der Stoffwechsel des Streptokokkus mutans wird gehemmt. Da die Wirkung jedoch fast ausschließlich lokal ist, sind eine Tablettenfluoridierung kleiner Säuglinge ohne Zähne kontraindiziert und auch später sollte die Fluoridierung vor allem lokal (mittels Zahnpasta) erfolgen. Nur wenn keine fluorhaltige Zahnpasta verwendet wird sollte die Verabreichung von Fluoridtabletten erfolgen. Wichtig ist die Verwendung einer altersabhängigen Fluoridzahnpasta.
  7. Beruhigungsmittel: Bedenkt man, dass vor nicht allzu langer Zeit in Österreich der Honigschnuller (heute werden oft die gesüßten SAB Tropfen verwendet) noch ein sehr bewährtes Beruhigungsmittel darstellte, ist dieser Faktor nicht zu unterschätzen.
  8. Eine ausreichende Mundhygiene der Eltern und später des Kindes.-Eltern sind Vorbildfunktion für ihre Kinder.
  9. Zahnputztechnik dem Alter anpassen. Die Zahnputztechnik ändert sich mit dem Lebensalter des Kindes. Am Anfang reicht eine „Schrubb-Technik“ der Kauflächen aus, kombiniert mit „Kreise malen“. Am besten immer nach derselben „KAI“ Systematik, das heißt – Kauflächen – außen – innen.  Von manchen Autoren wird empfohlen, bereits vor Durchbruch der ersten Zähne die Kieferkämme des Kindes mit einem weichen Tuch zu reinigen, um das Kind an eine Manipulation im Mund zu gewöhnen. Das Zähneputzen sollte ab dem ersten Zahn begonnen werden. Spätestens ab dem 1. Geburtstag wird mindestens 1 Mal täglich, vorzugsweise abends, ein „Hauch“ fluoridierte Kinderzahnpasta verwendet. Dabei ist vor allem wichtig, dass die Eltern unbedingt mithelfen müssen, bis die Kinder schreiben gelernt haben. Erst dann ist die Feinmotorik der Hände so weit ausgereift, dass eine vernünftige Reinigung der Zähne möglich ist. Elektrische Zahnbürsten sind etwa ab dem Kindergartenalter grundsätzlich genauso geeignet wie Handzahnbürsten. Viele Kinder finden elektrische Zahnbürsten einfach „spannender“ und sind dadurch motivierter.[2]

Karieskiller Muttermilch

Karies ist eine Zivilisationskrankheit, die es erst seit ca. 8000 Jahren gibt, den modernen Menschen aber gibt es schon seit 100.000 Jahren. Somit gab es 92.000 Jahre kein Karies bei gestillten Kindern. Muttermilch ist somit älter als Karies. Tiere werden auch gesäugt, auch bei diesen mit Milchzahngebiss, die Milch enthält ebenfalls Kohlenhydrate, dennoch ist Karies bei Tieren (in freier Wildbahn) nicht bekannt.[3]

Auch Muttermilch enthält kurzkettige Kohlenhydrate und wird häufig und über eine lange Zeit, zum Teil in kurzen Abständen zugeführt. So könnte man denken, dass auch sie kariogene Wirkung haben kann. Im Gegensatz zu anderen zuckerhaltigen Nahrungsmitteln senkt Muttermilch aber den ph-Wert deutlich weniger. Es erfolgt keine Freisetzung aggressiver Säuren, die den Zahnschmelz angreifen.

Die Laktose ist ein Disaccharid, ein Zweifachzucker, die erst im Dünndarm in Glucose und Galaktose gespalten wird. Kariesbakterien sind deshalb nicht in der Lage, die Laktose als Energiequelle zu nutzen. Sie bevorzugen einfache Zucker wie Glucose und Fructose.

Solange Babys ausschließlich gestillt werden, besteht keine Gefahr, Karies zu entwickeln.4]

Muttermilch wirkt der Kariesbildung entgegen. Sie enthält zelluläre Komponenten, wie Immunglobuline die das Wachstum von Bakterien, wie dem für die Kariesentstehung notwendigen Keim Mutans Streptokokken hemmen. Das ebenso nur in der Muttermilch enthaltene Laktoferrin bindet Eisen, so dass dieser zur Vermehrung von Bakterien notwenige Stoff nicht zur Verfügung steht. Außerdem enthält Muttermilch Mineralien zur Remineralisierung der Zähne. Diese zellulären Komponenten steigen in der reifen Muttermilch um das sechste Lebensmonat an.  Das ältere Baby, das am Tisch zu essen beginnt und sich selbst fortbewegen kann, ist gegen Krankheiten und Infektionen geschützt

Stillkinder leiden weniger oft an Atemwegserkrankungen als Kinder die mit künstlicher Säuglingsmilchnahrung zu gefüttert werden. Stillkinder trainieren laut Both (2003) nicht nur den Lippenschluss, sie schlafen – nicht zuletzt, weil sie weniger Atemwegserkrankungen haben – seltener mit offenem Mund und atmen mehr durch die Nase. Offene Mundatmung leistet Karies nämlich Vorschub. Vor allem, wenn das Kind mit offenem Mund schläft, trocknet die Mundhöhle aus und der Speichel kann die Zähne nicht mehr so wirksam remineralisieren. Gleichzeitig haben die Kariesbakterien ein leichtes Spiel.[5]

Mythos Langzeitstillen und nächtliches Stillen fördert Karies. Immer wieder besteht unter Zahnmedizinern der Verdacht, nächtliches Stillen über den 6. Monat hinaus (vor allem beim gestillten Kleinkind) wäre die Ursache für Karies beim Baby oder Kleinkind. Häufig wird betroffenen Müttern dringend zum Abstillen geraten und generell wird Langzeitstillen in diesem Zusammenhang abgelehnt.

Mehr zum Zähneputzen

Beim Säugling findet man häufig eine hohe Akzeptanz der Zahnbürste während der so genannten „oralen Phase“, da der Mund das Kontaktorgan zur Außenwelt darstellt. Dies wird genauso häufig gefolgt von einer absoluten „Zahnputzverweigerung“. Auch bei „Zahnputzverweigerern“ ist jedoch Konsequenz wichtig, oft hilft die Einbindung in ein Ritual. Die Ziele in diesem Alter sind die Verhinderung der Übertragung von Keimen und die Gewöhnung an die Mundhygiene als „Norm“. Im so genannten „window of infectivity“, das zwischen dem 6. und 30. Lebensmonat offen ist – also der Durchbruchsphase des Milchgebisses – kann es durch Kontakt mit Speichel von Bezugspersonen, meist der Mutter, zur Ansteckung mit Karies kommen. Als oberste Priorität wird die primäre Gesunderhaltung des Milchgebisses angesehen. Daher ist die frühe Vorstellung des Kindes bei einem Zahnarzt sinnvoll. Auf diese Weise wird der Besuch in einer entspannten Atmosphäre erlebt und kann von Seiten des Zahnarztes nochmals zur Aufklärung der Eltern genutzt werden.

Ab dem 2. – 3. Lebensjahr wollen die meisten Kinder versuchen, selbst die Zähne zu putzen. Dies ist wichtig, damit sie eine gewisse Systematik erlernen und nicht die Lust verlieren. Kindergartenkinder sind für Lob und Belohnung besonders empfänglich, sie leben oft in einer Phantasiewelt, die durch Geschichten oder Lieder bei der Mundhygiene unterstützt werden kann.

Eine effiziente Plaqueentfernung durch das Kind selbst ist jedoch erst etwa ab dem 8. Lebensjahr möglich. Bis dahin müssen die Eltern unbedingt nachputzen. Diese Systematik ist weitaus wichtiger als die häufig gestellte Frage nach der besten Zahnbürste oder Zahnpasta. Frei nach dem Motto „was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ kann man schlussfolgern, dass Verhaltensweisen, die im Kleinkindalter eingeübt werden, sehr resistent gegenüber späteren Veränderungen sind. Dabei ist es egal, ob diese Verhaltensweisen nun positiv oder negativ sind. Mit anderen Worten: In diesem Alter wird der Grundstein für ein zahngesundheitsbewußtes Leben gelegt. [6]

 



[3] Hüttemann V.: Stillen und Zahngesundheit, VELB & ILCA Kongress in Basel, am 23.10.2010

[4] Kathrin Veronika Plattner, DKKS, Muttermilch und Frühkindliche Karies, 2010

[5] Both, Denise: Stillen und Zahngesundheit in: Laktation und Stillen. Zeitschrift des Verbandes Europäischer LaktationsberaterInnen 3/2003

 

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