Die Qual der Wahl zwischen den unterschiedlichen Anfangsnahrungen

Säuglings-Anfangsnahrungen im Überblick & Test

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Für frischgebackene Eltern, die nicht stillen können, dürfen oder möchten, ist es oft gar nicht so leicht sich für die optimale Säuglings-Anfangsnahrung zu entscheiden. Zu schnell verliert man den Überblick in den Regalen der Drogeriemärkte. 

Säuglings-Anfangsnahrungen lassen sich prinzipiell in folgende Produktgruppen unterteilen: die Pre-Nahrung, die 1er-Nahrung, sowie HA- Nahrung (Hypo-Allergene Nahrung – HA Pre und HA 1). Alle Produktarten könnten von Anfang an gefüttert werden.

Die Pre Nahrung (Säuglinsanfangsnahrung) ist am besten an das Nährstoffprofil der Muttermilch angepasst und sollte im 1. Lebensjahr bevorzugt verwendet werden.[1] Pre-Nahrungen können von Geburt an im ganzen ersten Lebensjahr als Muttermilchersatz ad libitum (nach Bedarf) gegeben werden. Für einen späteren Umstieg von Pre-Nahrungen auf eine 1er Nahrung besteht keine Notwendigkeit. Mit dem 1. Geburtstag ist ein Umstieg auf Kuhmilch möglich. [2]

Im Vergleich zu Pre-Nahrungen enthalten 1er Anfangs-Nahrungen zusätzlich Stärke. Sie schmecken daher süßer und sind sämiger[3], werden als „sättigender“ bezeichnet und vor allem auch damit von der Industrie beworben. (Die Kinder schlafen in der Regle dadurch keinesfalls länger und schon gar nicht durch). In Österreich dürfen diese Nahrungen nicht ad libitum gegeben werden, um einer Überernährung und damit einer Entwicklung von Übergewicht vorzubeugen.   In Deutschland dürfen 1er Nahrungen nach Bedarf (ad libitum) gegeben werden. [4]

ÖKO-TEST hat 14 Säuglingsanfangsnahrungen im November 2014 getestet. Der Schwerpunkt des Tests lag bei Produkten mit der Bezeichnung „Anfangsmilch 1“. ÖKO-TEST begründet dies dadurch, „da diese in der Regel über einen längeren Zeitraum als Pre-Nahrungen gegeben werden.“ Dies widerspricht den Empfehlungen einiger Ernährungskommissionen, die eine Pre-Nahrung im 1. Lebensjahr empfehlen, und keine Notwendigkeit eines Umstieges auf eine 1er Anfangs-Nahrung sehen.[5]

Zuletzt sorgten Fettschadstoffe, die unter Krebsverdacht stehen und über die zugesetzten Fette in die Produkte gelangen, die Belastung mit Keimen, Aluminium, Quartäre Ammoniumverbindungen und Deklarationsmängel der Formular für Negativschlagzeilen.  Neue Parameter wie Perchlorat und Chlorat ergänzten das Untersuchungsprogramm. Es wurden in allen Anfangsnahrungen mehr oder weniger hohe Gehalte an Chlorat und Perchlorat gefunden. Beide Substanzen hemmen die Jodaufnahme in der Schilddrüse. Gerade Kinder sind in auf eine ausreichende Produktion von Schilddrüsenhormonen besonders angewiesen. Chlorat kann auch die roten Blutkörperchen schädigen, was den Sauerstofftransport im Blut teilweise einschränken kann. In 11 von 14 getesteten Produkten ist die Belastung der bedenklichen, als krebsverdächtig eingestuften Fettsäureester immer noch zu hoch. Bei den unvorbildlichen Werbeaussagen machte Hipp mit dem Slogan „nach dem Vorbild der Natur“ das Rennen.[6]

Wie bei den Kohlenhydraten als einziges Kohlenhydrat Laktose in der Säuglingsanfangsnahrung enthalten sein sollte, ist bei den Eiweißen auf einen möglichst niedrigen Eiweißgehalt zu achten. Studien haben gezeigt, dass zu viel Protein in den ersten Lebensjahren die Entstehung von Übergewicht begünstigen kann.[7] Säuglingsnahrungen sollten daher einen reduzierten Proteingehalten von höchstens 2 g/100 kcal enthalten. Das entspricht umgerechnet einem Eiweißgehalt von höchstens 1,4g/100 ml. (Die Eiweißangabe von g/100ml entspricht den Angaben auf den Etiketten der Industrie. In der Diätverordnung wird der Eiweißgehalt jedoch in g/100kcal angegeben.). Keine der 4 von ÖKO-TEST getesteten Pre-Nahrungen kommt mit mit weniger als 2 g Eiweiß pro 100 kcal aus. Die Tabelle gibt einen Überblick über den Eiweißgehalt der derzeit am Markt gängigen Säuglingsanfangs- und Folgenahrungen.

 

Produkt g/100 ml g/100 kcal
Milupa Milumil Pre 1,3 1,97
Milupa Milumil 1 1,3 1,97
Hipp Pre Bio 1,4 2,12
Hipp Bio Pre Combiotik 1,4 2,09
Hipp Bio 1 Combiotik 1,5 2,17
Beba Pro 1 1,23 1,84
Beba Pro Pre 1,2 1,82
Milupa HA Pre Milumil 1,5 2,27
HA Hipp Pre Combiotik 1,6 2,42
Nestle Beba Pre HA 1,27 1,90
Milupa Milumil 2 1,4 2,06
Milup Muilumil 2 Gute Nacht 1,4 2,06
Hipp Bio 2 1,5 2,14
Beba 2 ohne Stärke *1 1,3 1,94
Anfangsnahrung lt.Gesetz*2,3 1,1-2,1 1,8-3
Muttermilch *1,4 0,9-1,1 1,59

 

Abbildung: Eiweißgehalt Formularnahrungen in g/100 ml und g/100 kcal.

 

1) Quelle: DACH Referenzwerte für die Nährstoffzufuhrt, 1. Auflage;

2) Verordnung über diätetische Lebensmittel; BGBl. I S. 218

3) umgerechnet aus g/100kcal; DACH Referenzwerte für die Nährsotffzufuhr 1. Auflage

4) Lawrence A., Lawrence M.: Breastfeeding a guide for the medical profession; 7th edition; Elsevier

Die Liste der besonderen Zutaten wie GOS (Galakto-Oligosaccharide), FOS (Frukto-Oligosaccharide), LCP (mehrfach ungesättigte Fettsäuren), mit denen die Hersteller auf ihren Packungen aufmerksam machen, ist lang. Deren Wirkung ist bis jetzt widersprüchlich bzw. nicht eindeutig erwiesen. GOS und FOS zählen zu den Präbiotika. Erst im Juli 2014 hat EFSA (EuropeanFoodSafetyAuthority) die Notwendigkeit dieser speziellen Zutaten in Formularnahrung abgelehnt.[8]

 Quelle:  
[1] Hitthaler, A. Bruckmüller MU, Kiefer I., Zwiauer K. et al.: Österreichische Beikostempfehlung; Wien 2010, http://www.richtigessenvonanfangan.at
ÖGKJ (Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde). Mein Baby isst gesund. Ernährungsempfehlungen für das erste Lebensjahr, 2011. http://www.docs4you.at/Content.Node/ratgeber/Ernaehrungsbroschuere_1_Lebensjahr_Ausgabe_10_12.pdf
DGKJ, 2008 (Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde. Elterninformation der DGKJ. Gesunde Ernährung für mein Baby, 2008.
EK SGP (Ernährungskommission der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie), Baehler P., Baenzinger O., Belli D., Braegger C., Délèze G., Furlano R., Laimbacher j., Roulet M., Spalinger J., Studer P.: Empfehlung für die Säuglingsernährung 2008. Paediatria 2008; 19(1): 19-21.
[2] ÖGKJ (Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde). Mein Baby isst gesund. Ernährungsempfehlungen für das erste Lebensjahr, 2011. http://www.docs4you.at/Content.Node/ratgeber/Ernaehrungsbroschuere_1_Lebensjahr_Ausgabe_10_12.pdf
AGES: Richtig essen von Anfang an: Ernährung in der Stillzeit; REVAN 2013
[3] ÖGKJ (Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde). Mein Baby isst gesund. Ernährungsempfehlungen für das erste Lebensjahr, 2011. http://www.docs4you.at/Content.Node/ratgeber/Ernaehrungsbroschuere_1_Lebensjahr_Ausgabe_10_12.pdf
AGES: Richtig essen von Anfang an: Ernährung in der Stillzeit; REVAN 2013
[4] DGKJ, 2008 (Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde. Elterninformation der DGKJ. Gesunde Ernährung für mein Baby, 2008.
[5] ÖGKJ (Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde). Mein Baby isst gesund. Ernährungsempfehlungen für das erste Lebensjahr, 2011. http://www.docs4you.at/Content.Node/ratgeber/Ernaehrungsbroschuere_1_Lebensjahr_Ausgabe_10_12.pdf
AGES: Richtig essen von Anfang an: Ernährung in der Stillzeit; REVAN 2013
[6] ÖKO-TEST: Immer auf die Kleinsten; 2/2015; http://www.oekotest.de/cgi/index.cgi?artnr=105670&bernr=07&seite=05
[7] Weber M1, Grote V, Closa-Monasterolo R, Escribano J, Langhendries JP, Dain E, Giovannini M, Verduci E, Gruszfeld D, Socha P, Koletzko B: Lower protein content in infant formula reduces BMI and obesity risk at school age: follow-up of a randomized trial; European Childhood Obesity Trial Study Group. Am J Clin Nutr. 2014 May;99(5):1041-51. doi: 10.3945/ajcn.113.064071. Epub 2014 Mar 12.
[8] http://www.babymilkaction.org/wp-content/uploads/2014/07/Infant-formula-29072014.pdf

 

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