Pflanzliche Galaktagoga – halten sie ihr Versprechen?

Ausschließliches Stillen wird mit vielen positiven gesundheitlichen Ergebnissen in Verbindung gebracht, ausschließliches Stillen ist für viele Mütter eine Herausforderung. Der weltweit am häufigsten berichtete Grund für das vorzeitige Abstillen ist die Wahrnehmung der Mutter, dass sie unzureichend Milch produziert (Prävalenz zwischen 30%-80%).[1]

Viele Kulturen haben traditionelle Lebensmittel und Kräuter für Frauen die nach der Geburt die Milchbildung unterstützen sollen. – Bockshornkleesamen, Geißraute, Mariendistel, Hafer, Löwenzahn, Hirse, Algen, Anis, Basilikum, Benediktenkraut, Fenchelsamen und viele andere. Obwohl Bier in einigen Kulturen verwendet wird, reduziert Alkohol die Milchproduktion. Ein Gersten-Bestandteil von Bier (auch alkoholfreies Bier) kann die Prolaktinsekretion erhöhen, systematische Studien dazu gibt es jedoch keine sowie auch keine stichhaltigen Beweise für die kausale Wirkung.[2]

Der Mechanismus der zur Milchsteigerung führen soll ist bei den meisten Kräutern nicht bekannt. Die meisten von ihnen sind nicht wissenschaftlich evaluiert, werden jedoch aufgrund ihrer traditionellen Erfahrung angewendet. Die verfügbaren Studien für Kräuter, Kräutermedizin leiden unter Mängeln.

Beispiele für eine objektive unzureichende Milchproduktion sind, wenn das Neugeborene sein Geburtsgewicht nach 15 Tagen nicht erreicht hat, oder die tägliche Gewichtszunahme geringer als 15g/Tag ist, eine Zufütterung von mind. 250 ml/Tag im Alter von 4 Wochen notwendig ist. Mütter die per Hand Milch entleeren oder Abpumpen erfahren oft einen Rückgang der Milchmenge nach einigen Wochen. Weitere Gründe sind Relaktionen und Verwendung in der Neonatologie.

Um die Milchproduktion zu steigern, verwenden eine beträchtliche Anzahl von Frauen Galaktagoga auf Kräuterbasis, das sind pflanzliche Arzneimittel zur Steigerung der Milchmenge. [4] Von diesen wird angenommen, dass sie den Beginn, die Aufrechterhaltung oder die Steigerung der mütterlichen Milchproduktion unterstützen.[5] In den USA geht man davon aus dass 15% der Stillenden pflanzliche Galaktagoga einnehmen, während der Anteil in Norwegen deutlich höher auf 43% geschätzt wird.[6]

Da die wissenschaftlichen Beweise für die Wirksamkeit und Sicherheit von Kräutern zur Steigerung der Milchmenge noch unzureichend erforscht sind, sollte die Verwendung bei zögerlicher Milchproduktion grundsätzlich Situationen vorbehalten bleiben, in denen sowohl die gründliche Untersuchung auf behandelbare Ursachen (wie z.B. mütterlicher Hypothyreoidismus oder Medikamenteneinnahme) als auch eine Steigerung der Häufigkeit des Stillens und/oder Pumpens nicht den gewünschten Erfolg gebracht hat.

Erst wenn diese Maßnahmen nicht greifen, ist die Einnahme von pflanzlichen Arzneimittel in Erwägung zu ziehen. Dies sollte immer in Absprache mit einer Stillberaterin sein. Die laktierende Brust ist nie ganz “ leer “. Wenn nicht regelmäßig , der Milchfluss angeregt wird, dann „versickert“ die Milch. Alternativ häufigeres Anlegen (Stimulation durch Pumpen) führt typischerweise zu einer Steigerung der  Milchbildung.[7]

Bei der Verwendung von pflanzlichen Galaktagoga ist Vorsicht geboten, weil es an standardisierten Dosierungen bei der Zubereitungen mangelt, vor allem wenn eine andere als in der Forschung angegeben verwendet wird. Es besteht die Gefahr von möglichen Verunreinigungen, allergischem Potential und Interaktionen mit Arzneimittel. Einige Kräuter, die oral eingenommen werden, können den Blutspiegel bei der Einnahme von Warfarin, Heparin und anderen blutverdünnende Medikamente erhöhen.[8] Es gibt mehrere Berichte über schwere mütterliche allergische Reaktionen auf Bockshornklee.[9] Galaktagoga sollten immer in der geringsten Dosis für den kürzesten angegebenen Zeitraum eingenommen werden.

Hier sind die pflanzlichen Arzneien angeführt zu denen es wissenschaftliche Untersuchungen gibt. Die am häufigsten verwendeten pflanzlichen Kräuter zur Milchbildung sind Bockshornkleesamen, Mariendistel und Geißraute.

Deren beabsichtigter Mechanismus ist

  • Mariendistel: Unbekannt, möglicherweise östrogene Auswirkung
  • Bockshornkleesamen: mögliche östrogene Auswirkung, stimmuliert Schweißproduktion
  • Geißraute: Unbekannt
  • Indischer Spargel: östrogene Auswirkungen auf die Milchdrüsen; steroide Prozesse der Saponinen in Pflanzen
  • Coleus amboinicus Lour: Starke Teilung der sekretorischen Milchzellen

Asperagus racemosus/Indischer Spargel

Eine Untersuchung in der 2x täglich eine 100g Mischung mit einem 15% igen Anteil von Asperagus racemosus über 4 Wochen verabreicht wurde zeigte nur eine geringfügig höhere tägliche Gewichtszunahme des Säuglings. (30g/Tag versus 26g/Tag in der Placebogruppe). Das Ergebnis wurde von den Forschern als vergleichbar gewertet, also ohne nenneswerten Effekt auf die Milchproduktion. [10]

Eine weitere Untersuchung zeigte eine Gewichtszunahme von 16,1% versus der Placebogruppe von 5,7%, die Reispulver erhielten. Verabreicht wurde 1 Kapsel 3x/Tag die Wurzelpulver enthielt für 30 Tage in einer Menge von 60mg/kg des Körpergewichts. Die Forscher gingen von einer signifikanten Milchsteigerung durch die Einnahme von Asperagus racemosus aus.[11]

 

Coleus amboinicus Lour

150g Coleus amboinicus Lour Blätter wurde Müttern ab dem 2. Tag nach der Geburt in Form einer Suppe verabreicht über ein Monat (6 Tage/Woche). Der Outcome war das Milchvolumen. Am Tag 28 wurde bei der Einnahme von Coleus amboinicus Lour eine Milchmenge von 479 mL, bei der Einnahme von Bocksornklee (3 Kapseln/Tag) 385 mL und bei 3x täglich Moloco+B12 (Vitaminpräparat) 385 mL erreicht. Coleus amboinicus (Lour) gehört zu der Familie der Lippenblütengewächse. Coleus Lour amboinicus (CA) wurde zur Steigerung der Muttermilch in Indonesien seit Hunderten von Jahren verwendet. Allerdings ist die traditionelle Verwendung von CA nicht gut dokumentiert. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass CA-Supplementierung zu einer erhöhten Milchproduktion führte. Die CA-Supplementierung bewirkte einen Anstieg um 65% der Milchmenge in den letzten zwei Wochen der Einnahme (von Tag 14 bis Tag 28). Dieser Anstieg war größer als die der stillenden Frauen, die Molocco + B12-Tabletten (10%) oder Bockshornkleesamen (20%) einnahmen. Die gesteigerte Milchmenge hielt auch nach dem Absetzen der Intervention an. [12]

 

Mariendistel (Silybum marianum):

Eine Untersuchung zeigte eine signifikante Steigerung der Milchmenge am 30. Tag gegenüber Placebo (990 ml versus 650 ml Milchproduktion/Tag), die Qualität der Muttermilch blieb unverändert. Die Intervention war 420 mg/d von BIO-C(zermahlene Mariendistel) für 63 Tage. Mariendistel wird generell gut vertragen. Eine Kreuzallergie mit Ragweed und ähnlichen Pflanzen ist nicht auszuschließen, ebenso gegebenenfalls eine leichte gastro-intestinale Nebenwirkung. Vorsicht mit CYP2C9-Substraten. Es besteht die Möglichkeit für einen erhöhten Statinen-Spiegel und verminderte Östrogen-Spiegel.

Silitidil® ist eine Komplexbildung, ein Phytosom,  aus einem natürlichen Wirkstoff wie Mariendistel und einem Phospholipid. Es wird behauptet, dass ein Phytosom die Aufnahme und Wirksamkeit von „herkömmlichen Kräuterextrakten“ verbessert.

csm_1-3-2-1-piu_latte_plus_thumb_a55cb97cf5Während die Bioverfügbarkeit von traditioneller Mariendistel bei 1 liegt, ist sie bei BIO-C (zermahlener Mariendistel) 5 x so hoch und bei  Silitidil® 20 Mal so hoch. [13] Generell ist die Bioverfügbarkeit von pflanzlichen Extrakten sehr gering. Silitidil® zuzüglich Geißraute zeigten im Vergleich zu Mariendistel eine verbesserte Bioverfügbarkeit und höhere Prolaktin-Plasmaspiegel.[14] Silitidil® und Galega (Geißraute) ist in in Piùlatte Plus erhältlich. Der Hersteller ist die Firma Humana, einer der größten Säuglingsnahrungshersteller.

 

Bockshornkleesamen (T. foenumgracecum)

216HRzgrr7LBockshornkleesamen ist ein häufig verwendetes Gewürz. Als Dosierung werden 3 Kapseln (à 580-610 mg) 3-4x täglich, oder 3-4x täglich gekochter Tee (1/4 Teelöffel Bockshornkleesamen gekocht in 240 ml Wasser für 10 Minuten) vorgeschlagen. Empfohlene Dauer der Einnahme: 1 Woche. [5] Bockshornklee Kapseln Dr. Pandalis 

Bockshornklee wird generell gut vertragen. Bei Durchfall sollte die Dosis reduziert werden. Weitere Nebenwirkungen können auftreten wie ungewöhnlicher Körpergeruch ähnlich wie Ahornsirup, Kreuzallergie Ragweed und verwandten Pflanzen, Erdnüsse, Kichererbsen, Sojabohnen und Erbsen. Theoretisch: Asthma, Blutungen, Schwindel, Blähungen, Hypoglykämie, Bewusstseinsverlust, Hautausschlag, Atemnot, dazu gibt es jedoch keine Berichte von Stillenden. Interaktionen: Antidiabetika, einschließlich Insulin, Thrombozytenaggregationshemmer, Aspirin, Heparin, Warfarin, Kräuter.[15]

weleda-stilltee--10004681_B_PEine Studie wurde mit einem Stilltee, von dem 3 Tassen täglich getrunken wurden und der neben anderen Kräutern, 100mg Bockshornklee enthielt, durchgeführt. Im Vergleich zur Kontrollgruppe – und Placebogruppe mit Apfeltee erreichten  Kinder deren Mütter Bockshornkleetee getrunken haben,  ihr Geburtsgewicht früher, hatten einen geringeren Gewichtsverlust und die durchschnittliche Muttermilchmenge war höher. (Bockshornklee 73,2 ml; Placebo 38,8 ml und Kontrollgruppe 31,1 ml).[16] Der Weleda Stilltee enthält  Bockshornkleesamen und hat beim Ökotest 2014 mit Testergebnis „sehr gut“ abgeschnitten.

 

Bezugsquelle: Online Apotheke www.shop-apotheke.at

Quelle:

[1] Mannion C, Mansell D. Breastfeeding self-efficacy and the use of prescription medication: a pilot study. Obstet Gynecol Int. 2012;2012:562704.medication: a pilot study. Obstet Gynecol Int. 2012;2012:562704.

[2] Koletzko B, Lehner F. Beer and breastfeeding. Adv Exp Med Biol 2000;478:23–28.

Mennella JA, Beauchamp GK. Beer, breast feeding, and folklore. Dev Psychobiol 1993;26:459–466.

[3] Anderson PO, Valdes V. A critical review of pharmaceutical galactogogues. Breastfeed Med 2007;2:229–242.

Campbell-Yeo ML, Allen AC, Joseph K, et al. Effect of domperidone on the composition of preterm human breast milk. Pediatrics 2010;125:e107–e114.

Lawrence RA, Lawrence RM. Breastfeeding: A Guide for the Medical Profession, 6th ed. Elsevier Mosby, Philadelphia, 2005.

[4] Walker M. Breastfeeding Management for the Clinician: Using the Evidence. 2nd ed. Sudbury, MA: Jones & Bartlett Publishers; 2011.

[5] Academy of Breastfeeding Medicine Protocol Committee. ABM Clinical Protocol #9: Use of galactogogues in initiating or augmenting the rate of maternal milk secretion (first revi- sion, January 2011). Breastfeed Med. 2011;6(1):41-49.

[6] The National Children’s Study. Use of herbal products in preg- nancy, breastfeeding and childhood workshop. December 2003. http://www.nationalchildrensstudy.gov/about/stayinginformed/ listserv/studyassemblymeetings/2003Dec/Pages/agenda 122003. aspx#day3. Accessed November 12, 2012.

Nordeng H, Havnen GC. Use of herbal drugs in pregnancy: a survey among 400 Norwegian women. Pharmacoepidemiol Drug Saf. 2004;13(6):371-380.

[7] Lawrence RA, Lawrence RM. Breastfeeding: A Guide for the Medical Profession, 6th ed. Elsevier Mosby, Philadelphia, 2005.

[8] Academy of Breastfeeding Medicine Protocol Committee. ABM Clinical Protocol #9: Use of galactogogues in initiating or augmenting the rate of maternal milk secretion (first revision, January 2011). Breastfeed Med. 2011;6(1):41-49.

[9] Tiran D. The use of fenugreek for breast feeding women. Complement Ther Nurs Midwifery 2003;9:155–156.

[10] Gupta M, Shaw B. A double-blind randomized clinical trial for evaluation of galactogogue activity of Asparagus racemosus wild. Iranian J Pharm Res. 2011;10(1):167-172.

[11] Gupta M, Shaw B. A double-blind randomized clinical trial for evaluation of galactogogue activity of Asparagus racemosus wild. Iranian J Pharm Res. 2011;10(1):167-172.

[12] Rizal Damanik DVM, MRepSc, PhD1 , Mark L Wahlqvist AO, FTSE, MD (Adelaide and Uppsala), FRACP, FAIFST, FACN, FAFPHM2 and N. Wattanapenpaiboon BSc, MSc, PhD3: Lactagogue effects of Torbangun, a Bataknese traditional cuisine; Asia Pac J Clin Nutr 2006;15 (2):267-274 267

[13] Di-Pierro F, Callegari A, Carotenuto D, Tapia MM (2008) Clinical efficacy, safety and tolerability of BIO-C (micronized Silymarin) as a galactagogue. Acta Biomed 79(3):205–210

[14] Capasso R (2014) Effect of Silitidil, a standardized extract of milk thistle, on the serum prolactin levels in female rats. Nat Product Commun 9(7):943–944

[15] Academy of Breastfeeding Medicine Protocol Committee. ABM Clinical Protocol #9: Use of galactogogues in initiating or augmenting the rate of maternal milk secretion (first revision, January 2011). Breastfeed Med. 2011;6(1):41-49.

[16] Turkyilmaz C, Onal E, Hirfanoglu IM, et al. The effect of galactagogue herbal tea on breast milk production and short- term catch-up of birth weight in the first week of life. J Altern Complement Med. 2011;17(2):139-142.

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